STADTANSICHTEN UND WOHNEN. KIRCHENHANDWERK UND MODERNE MÖBEL. WAS HABEN SIE GEMEINSAM UND WAS HAT DAS MIT DER AUSSTELLUNG „DAS ENDLOSBAUPRINZIP“ DER BONNER KÜNSTLERIN NICO JOANA WEBER ZU TUN?

Die Möbelproduktion hat in Rheda-Wiedenbrück eine lange Tradition. Würde man so nicht vermuten. Oder? Doch bevor die ersten modernen Möbel von Firmen wie Lübke KG, Musterring, interlübke und COR von hier aus in die Welt gingen, florierte eine ganz andere Branche: Die angewandte sakrale Kunst. Sie legte den Grundstein für die erfolgreiche Entwicklung der Wirtschafts- und Möbelindustrie der Region.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Mit Friedrich III startete der intensive Aus- und Weiterbau katholischer Kirchen im damaligen Kaiserreich, was auch in Wiedenbrück zur Produktion von Kirchenmobiliar und -kunst wie beispielsweise holzgeschnitzten Altären, Kirchenbildern, Kanzeln, Chorschranken, Sakramentshäuschen und Tabernakel führte. Die günstige Lage der Stadt direkt an der Eisenbahnstrecke Köln-Minden, die das Rheinland mit Norddeutschland verband, begünstigte die Etablierung von Werkstätten und Spezialisten. So entstand zwischen 1854 und 1920 die Künstlerkolonie „Wiedenbrücker Schule“.

Mit großem Know-How wurde nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für internationale Märkte gefertigt. Um die Jahrhundertwende zählten unter den 2000 städtischen Einwohnern 500 Vollbeschäftigte zu dem Tätigkeitsbereich der Kirchenkunst. Darunter Ornamentiker, Polychromäure, Bildhauer, Kirchenmaler, Tischler und verschiedene Zuarbeiter.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„Die Wiedenbrücker Schule als Künstlerkolonie mit dem Schwerpunkt der angewandten sakralen Kunst bot Fachleuten verschiedenster Ausrichtungen lukrative Betätigungsfelder. Der Wendepunkt kam nach dem I. Weltkrieg als die Nachfrage nach diesen Wirtschaftsgütern versiegte. Mit der Gründung der ersten Möbelfirmen ab 1920, die ausschließlich Möbel produzierten, vollzog sich die Transformation von der sakralen Kunst der Wiedenbrücker Schule hin zur modernen Möbelindustrie in Rheda-Wiedenbrück. Die Infrastruktur und die Arbeiter waren vorhanden, nur die Produkte sowie Absatzmärkte änderten sich,“ so Christiane Hoffmann, Leiterin des Wiedenbrücker Schule Museums.

DIE TIEFE VERBUNDENHEIT ZUR REGION SPIEGELT SICH BIS HEUTE IN DER COR UNTERNEHMENSPOLITIK WIDER. HIER IST DER ORT, WO WIR ZU HAUSE SIND, WO ALLE UNSERE MÖBEL ENTSTEHEN. SEIT FIRMENGRÜNDUNG 1954 IN RHEDA-WIEDENBRÜCK.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die Häuser der Handwerker übernahmen auch eine werbende Funktion. Reich verziert und bemalt konnten die Künste der Dienstleister sogleich von außen bestaunt werden.

Die Geschichte der Stadt ist unverwechselbar mit der Entstehung der hier ansässigen Möbelindustrie verbunden. Das erkannte auch die Bonner Künstlerin Nico Joana Weber, die 2020 mit dem regionalen Brachum Kunstpreis* ausgezeichnet wurde. Damit einhergehend war eine Arbeit im städtischen Raum verbunden und so entstand eine 36teilige Plakataktion, die kürzlich auf dem Gebiet der Stadt zu sehen war.

Die Plakate zeigen Collagen, die auf Bildmaterial aus den Archiven der Stadt sowie den von COR, interlübke und Musterring basieren. Das Archivmaterial kombinierte die Künstlerin mit eigenen Fotografien. Sie zeigen Architektur- und Stadtansichten, Möbel- und Innenraumgestaltungen aus den letzten 70 Jahren und analysieren die Stadtgeschichte auf architektonischer Ebene.

© Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022)  

© Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022)

© Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) 

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„Das Endlosbauprinzip ist eine Gestaltungsstudie von und für Rheda-Wiedenbrück und eine exemplarische Architektur- und Design-Analyse einer deutschen Stadt“, kommentiert Nico Joana Weber ihre Arbeit. „Meine Plakatserie greift das immanente Spannungsfeld von Abriss und Neubau, Denkmal und Modernität, Ornament und Minimalismus, Zeitgeist und Zeitlosigkeit auf, das die Stadt prägt“, führt die Künstlerin weiter aus.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nicht nur in der modularen Bauweise der Serienschränke und Sitzmöbel der 1960er Jahre begegnet uns das Endlosbauprinzip. Es verweist zugleich auf den nie endenden baulichen, sozialen und kulturellen Veränderungsprozess der Stadt.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„Die Collagen von Nico Joana Weber zeigen auf bemerkenswerte Art und Weise, wie sich das historische Erbe der Wiedenbrücker Schule in der modernen Möbelindustrie wiederfindet“, so Leo Lübke.

Nico Joana Weber, Das Endlosbauprinzip (2022) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die Künstlerin

Die gebürtige Bonnerin lebt und arbeitet in Ludwigshafen am Rhein. Bevor sie dort ihre aktuelle Home Base fand, studierte Nico Joana Weber am Goldsmiths College in London und an der Kunsthochschule für Medien in Köln, reiste rund um die Welt. Zahlreiche Publikationen, Ausstellung und Auszeichnungen zeichnen ihren Weg.

In ihren Arbeiten nähert sie sich über Film und Fotografie dem architektonischen Stadtraum und macht auf urbane Strukturen aufmerksam. 2020 erhielt sie den Brachum Kunstpreis* der Stadt Rheda-Wiedenbrück, womit eine Projektarbeit im städtischen Raum verbunden war. So entstanden 36 großflächige Collagen, die im Sommer 2022 im öffentlichen Raum gezeigt wurden.

Weitere Infos: www.nicojoanaweber.com

© Nico Joana Weber

* Der regionale Brachum Kunstpreis wird an deutsche Nachwuchskünstler verliehen, die sich in ihrem Werk mit Architektur auseinandersetzen. Die Förderung soll die Preisträger in ihrer künstlerischen Weiterentwicklung unterstützen und ihr Werk in der Öffentlichkeit bekannt machen. Erstmalig wurde er im Jahr 2014 ausgelobt und seitdem in einem dreijährigen Turnus vergeben.

Im Jahr 2020 ging der Brachum Kunstpreis an die Bonner Künstlerin Nico Joana Weber.