Eine Betrachtung von Harald Willenbrock

Das Prinzip Conseta

Neu seit 1964

Die Biologen nennen es Symbiose, Ökonomen sprechen von Synergien, Sportler kennen es unter dem Namen Teamgeist. Es steckt im Wasser, bringt Ideen zum Laufen und führt Menschen zusammen, die nie geglaubt haben, dass sie zusammenpassen könnten. Es ist ein Dauerbrenner der Evolution, basierend auf der Erkenntnis, dass die Verbindung von Einzelelementen häufig mehr ergibt als die bloße Summe. Auf eine Formel gebracht, lautet es 1 + 1 = 3.

Und weil dieses Prinzip ebenso einfach wie genial wirkt, war es auch nur eine Frage der Zeit, bis Friedrich Wilhelm Möller auf es stieß. Möller – ein findiger Westfale, allzeit neugierig und permanent ungeduldig – war ein Mann mit einer solchen Unmenge an Ideen, dass ein einfacher Lebenslauf sie unmöglich fassen konnte. Vom gelernten Schreiner und Erbe einer Tischlerei wechselte er 1961 zum Handelsvertreter bei COR. Als solcher lernte er die Ansprüche der Kunden wie die Probleme der Möbelhändler und bediente beide, indem er kurzerhand begann, bessere Möbel zu entwerfen. »Der Mensch ist das Maß aller Dinge« lautete das Credo des umtriebigen Gestalters, der später auch noch Mitgründer eines Architekturbüros und Inhaber eines erfolgreichen Möbelunternehmens wurde. Möllers Augenmerk galt erklärtermaßen »nicht dem Modischen, das interessiert mich nicht«, sondern vielmehr »dem additiven Element, das sich durch hohe Variabilität den sich ständig ändernden Ansprüchen der Menschen anpasst«. Und seinen ultimativen Ausdruck fand dieser hehre Anspruch 1964 in Conseta.

 

Conseta ist eine Kombination des Lateinischen „con sedere“ (zusammensitzen) mit „conetus“ (zusammengesetzt) und steht für die schlichte Erkenntnis, dass sich Ansprüche und Wohnverhältnisse von Menschen im Laufe der Jahre ändern mögen, ein paar Dinge jedoch immer gleichbleiben.

Die Liebe zu schönen Dingen beispielsweise, gleichermaßen die Überzeugungskraft schlichten, zeitlosen Designs. Anfang der Sechziger Jahre führte Friedrich Wilhelm Möller im Auftrag von COR alle drei Elemente zu einem zukunftsweisenden Polstermöbelsystem zusammen. Conseta – so sein Name – war flexibel wie ein Baukasten und anpassungsfähig wie ein Chamäleon. Seine einzelnen Elemente ließen sich über Laschen-Keil-Verbindungen lösen und wieder verbinden, erweitern und reduzieren. Auf diese Weise entstanden Kombinationen aus Hockern, Sesseln ohne Armlehnen, Eckteilen mit Armlehnen oder Polsterblenden, Zwei- oder Dreisitzer, losen Kisten oder Kästen, die zwischen die Polster gesteckt werden. Dazu war Conseta von solch reduzierter Schlichtheit, dass es jenseits von Stilen und Moden Bestand hatte. Kurzum: Es war die perfekte Symbiose eines ganzheitlichen Systems.

Zunächst einmal aber war es ein grandioser Flop. Als die Weltneuheit 1964 auf der Internationalen Möbelmesse dem Publikum präsentiert wurde, bauten es die COR-Repräsentanten zigmal auseinander und wieder zusammen, demonstrierten die Vielseitigkeit des Systems und priesen das Chamäleon unter den Sofas – es nützte alles nichts. Möllers modulares Modell war seiner Zeit weit voraus, kaum ein Händler traute sich, es zu ordern. Ganze vier Aufträge – von denen zwei noch während der Messe wieder storniert wurden – brachten die geknickten COR-Verkäufer zurück nach Rheda-Wiedenbrück.

 

Ein Jahr und ein paar geringfügige Modifikationen später (beispielsweise wurden die Polster weicher gefüllt, die Armlehnen verbreitert) begann sich das Blatt allmählich zu wenden. Zu den Anpassungen und vielfachen Variationen trug vor allem Friedrich Wilhelm Möller bei, der sein Haus nie ohne einen Skizzenblock verließ und das Haus COR selten ohne Skizzen für neue Conseta-Bezüge, -Polster oder -Farben betrat. »Conseta ist mehr als ein Entwurf«, schrieb er 1994 an COR-Chef Helmut Lübke, »Es ist eine Uridee zum Sitzen auf Sofas, an der 30 Jahre immer wieder weitergedacht, entfernt, genähert wurde.« Im Laufe dieser Jahrzehnte wuchs Möllers Möbel leise, aber mächtig zum internationalen Bestseller. „Seit nunmehr 36 Jahren beweist Conseta seine Anpassungsfähigkeit an Zeitströmungen und individuellen Wohnbedürfnisse“, konstatierten Gunda Siebke und Susanne Wittorf anerkennend in einer Monografie „Design-Klassiker: Das Polstersystem Conseta von Friedrich Wilhelm Möller“ (Form-Verlag 1999).

Heute steht das Sitzmöbel aus Rheda-Wiedenbrück in Auckland genauso wie in Anchorage, in Kapstadt und Kuala Lumpur. Unzählige mehr oder weniger gelungene Plagiate belegen seinen Status als globaler Star unter den Sofas. Als Friedrich Wilhelm Möller 1996 starb, war sein Entwurf längst zum Designklassiker und weltweit mehr als 500000 mal verkauft worden. (Heute sind bereits über 875.000 Conseta-Elemente im Umlauf). Damit ist die Verbindung Conseta und COR, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, eine der erfolgreichsten Symbiosen der jüngeren Möbelgeschichte überhaupt. Happy Birthday, Conseta!

Der Stoff, aus dem die Klassiker gemacht sind.

Die Conseta kann man getrost als Herzstück unserer Firmengeschichte bezeichnen. Zum einen, weil sie eins unserer ersten Möbelprogramme überhaupt war. Zum anderen, weil sie genau ist wie wir: immer wieder neu von Anbeginn an.

 

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